Sonntag, 28. september 2008
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schon seit langem fühtle ich mich so, als hinge ich zwischen zwei lebensabschnitten fest und würde immer nur kurze ausflüge auf eine der beiden seiten machen. mittlerweile gewinne ich aber doch
zunehmend den eindruck, mehr zeit auf der erwachsenenseite des lebens zu verbringen.
natürlich übernimmt mein inneres kind immer noch oft genug das kommando und parkt mich mit glasigen augen vor einem spielzeugbestückten regal bzw. verursacht andere ausfallerscheinungen. man kann
wahrscheinlich auch davon ausgehen, dass ich für den rest meines lebens eher hölzerne kugelbahnen als handtaschen anschmachten werde. in dieser hinsicht werde ich wohl (zum glück) nie so richtig
erwachsen werden.
ich bin sehr lange zeit davon ausgegangen, nicht das potential für ein normales erwachsenenleben zu haben. ich war in meinen augen ein ewiger kindskopf. für vieles geeignet, zu nichts zu
gebrauchen. die prägenden erlebnisse meines bisherigen lebens habe ich zwar schon als solche registriert, habe ihnen dann aber jeglichen positiven einfluss auf mich aberkannt. sie haben mich
kaputtgemacht, aber sie haben mich nicht gestärkt oder gar reifen lassen. erst jetzt wird mir langsam bewusst, dass ich mich da geirrt haben muss.
die vergangenen 10 monate haben sowohl eine veränderung als auch eine entwicklung meiner person bewirkt. etwas, was mir erst jetzt in seiner ganzen bedeutung bewusst zu werden scheint.
der entscheidende auslöser hierfür dürfte das tischgespräch am vergangenen mittwoch gewesen sein. mittwochs bin ich ja für gewöhnlich vormittags im krankenhaus und esse dann auch dort zu mittag,
oftmals gesellt sich der pastor zu uns und es wird über verschiedenste dinge geredet. am vergangenen mittwoch berichtete der pastor von seiner doch recht kräftezehrenden woche. er hat innerhalb
dieser einen woche drei sterbebegleitungen machen müssen, die alles andere als angenehm waren. zunächst hat er die eltern eines frühgeborenen betreut, deren kind bei der geburt unter 500 gramm
wog und wenige stunden nach der geburt verstorben ist. der pastor hatte bereits in der woche zuvor davon erzählt, dass er einen besonders kleinen sarg habe anfertigen lassen. nach dem
frühgeborenen betreute er eine frau in meinem alter, die an krebs gestorben ist. die begonnene operation wurde abgebrochen, ihr wurden noch drei oder vier tage an verbleibender lebenszeit
genannt, verstorben ist sie dann innerhalb von 48 stunden nach dieser diagnose. der letzte fall muss eine ältere dame gewesen sein, die eigentlich nur kurz intubiert werden sollte und dabei
verstarb. in diesem fall war es dann auch so, dass die familie "nur kurz" aus dem zimmer geschickt wurde, damit die dame in ruhe intubiert werden konnte. im grunde sind das schon
horrorgeschichten, wir aber haben verhältnismäßig ungerührt unser mittagessen verspeist und sind anschließend zur tagesordnung übergegangen. genauso wie in der vorwoche, in der wir uns nach dem
mittagessen noch schnell den neuen standort der leichenhalle zeigen lassen wollten. die hiesige klinik wird gerade umgebaut, so dass jetzt noch nicht alle räumlichkeiten (wieder) an ihrem
endgültigen platz vorzufinden sind. eine zeit lang befand sich die leichenhalle mit in dem gebäudewürfel, in dem unter anderem der müll gesammelt wurde. nun ist sie aber wieder umgezogen und
scheint sich dann wohl auch an ihrem endgültigen bestimmungsort zu befinden. wir wollten uns nun also diesen bestimmungsort zeigen lassen, trafen vor den fahrstühlen auf irgendeinen wichtigen
menschen fanden uns wenig später im vorflur zur leichenhalle wieder. wir bekamen einen kleinen vortrag über den ort für die letzte aussegnung (der wegen eines baufehlers jetzt eigentlich gar
nicht zu gebrauchen ist), betrachteten nebenbei die irgendwie völlig unnötigen schränke (die sehr viele leute sehr gerne in ihrem büro stehen hätten) und sollten dann auch noch einen blick in die
eigentliche leichenhalle werfen. das haben wir zwar auch gemacht, aber nur kurz und ein wenig überrumpelt. als nämlich die tür aufgeschlossen und geöffnet wurde, blickten wir auf zwei herren, die
an einem offenen (und natürlich belegten) sarg herumhantierten und haben es damit gut sein lassen, dass wir nun eben wissen, wo sich die leichenhalle befindet. schon an diesem tag habe ich
festgestellt, dass leichen auf mich überhaupt nicht mehr erschreckend wirken, ich kann mir auch detaillierte ausführungen eines bestatters anhören, ohne dass mir dabei komisch wird und ich mir
die ohren zuhalten will. so makaber das jetzt vielleicht auch klingen mag, ich freue mich für jeden menschen, der einen leichten tod hat. dieser gedanke war auch einer der ganz klar
vorherrschenden gedanken, als meine oma im dezember wirklich völlig überraschend verstorben ist. sie hatte zwar mit einer magen- und darmgrippe sowie herz-rhythmus-störungen zu tun gehabt, aber
sie war nicht schlimm krank. und bis drei oder vier tage vor ihrem tag ging es ihr auch noch ausgesprochen gut. sie hatte sich gerade erst ein neues fahrrad gekauft und war für ihre
paarundachtzig jahre noch gut unterwegs. unter diesen voraussetzungen ist ein so überraschender tod zwar schon erschreckend, aber dann doch auch irgendwie beneidenswert. mein vater hat es damals
nicht so leicht gehabt, vermutlich habe ich deswegen eine etwas verquere ansicht zu dieser sache.
und mir ist auch die "fortbildung" für die ehrenamtlichen am monatsanfang nicht so nahe gegangen wie sehr vielen der anderen anwesenden damen. alle ehrenamtlichen mitarbeiter des krankenhauses
sollen jeweils jeden ersten montag im monat an einer fortbildungsveranstaltung teilnehmen. die themen sind unterschiedlichster natur, und in diesem monat ging es eben um palliativpflege zu hause.
hier in der nähe gibt es eine praxis für schmerztherapie, in der eine ärztin eng mit einigen schwestern zusammenarbeitet und darum bemüht, ihren patienten das sterben zu hause zu ermöglichen. und
über diese praxis wurde irgendwann einmal eine sendung in der ard gezeigt, die wir uns dann eben auch angeschaut haben ich fand die sendung sehr interessant, vieles kam mir bekannt vor und ich
habe auch dann doch relativ viel nachgedacht. allerdings vielmehr über die dort oft eingesetzte morphiumpumpe, die allgemeine vorgehensweise des praxisteams und patientenverfügungen. während nach
dem abspann überall extremst betroffen geschnieft und mit taschentüchern im gesicht herumgewischt wurde, wurde ich viel eher... nicht richtig wütend... ich wurde ein wenig ungehalten. natürlich
kann man im fernsehen nicht die ganz harten geschütze in sachen krebs im endstadium auffahren. aber trotzdem kam es mir so vor, als hätte man da ein bisschen zu sehr weichgespült. man liegt sich
nicht einfach mit einer angeschlossenen morphiumpumpe ins bett und stirbt dann mit einem leichten seufzer. gerade bei darmkrebs mit lebermetastasen kann es eklig werden. ich selbst habe damals
zum glück nicht mitbekommen, wie mein vater sich "seine innereien aus dem leib gekotzt hat". aber ich habe mehr als einmal die blutdurchtränkten bettlaken gesehen. selbst wenn man sowas nun
wirklich nicht zeigen kann, man hätte es vielleicht erwähnen können. und trotzdem wurde nach dieser sendung um mich herum geheult und getan und ich habe mich gefragt, wie vertrottelt manche
menschen wohl sein können. eine dame sagte zum beispiel, die sterbebegleitung der eigenen mutter sei für die kinder ja eine sehr wertvolle erfahrung, auf die sie für den rest ihres freudig
zurückblicken können. jaaaaaaaaaaaaaaa, genau. man ist für den rest seines lebens ein fröhlicher kleiner sonnenschein, weil man ein elternteil bis in den tod begleitet hat. geht mir ja
schließlich genauso... ich blicke voller freude darauf zurück, meinem vater beim verrecken zugeguckt und zugehört zu haben. und ich finde es immer noch ganz furchtbar wertvoll, dass ich
miterleben durfte, wie er immer mehr abgehaut hat und am ende überhaupt nichts mehr konnte. wer flippt vor begeisterung auch nicht völlig aus, wenn der mensch, der einem alles beigebracht hat,
plötzlich nicht mehr laufen oder gar sprechen kann? eben... ganz groß fand ich dann auch die frage der dame, die ständig alles in grund und boden labert. wie lange es denn wohl ungefähr dauere,
bis jemand an krebs stirbt? das könne der arzt doch bestimmt genau sagen. besagte dame war dann auch schwer entrüstet, weil man eben nicht mit bestimmtheit sagen kann, wie lange ein krebspatient
noch lebt. und nein... das kann nicht einmal ein arzt mit bestimmtheit sagen. und ja, das ist ganz schön beschissen. auch für die angehörigen. weil es nämlich nicht immer so "schön" ist wie in
dieser sendung. uuuhhuuu.... das alles weiß ich und ich weiß, dass ich darüber reden kann. und zwar ohne, dass ich am ende als heulendes elend zusammenbreche. so gesehen bin ich erwachsener als
so manch ein mensch mit 40, 50 oder 60. manchmal stört mich das so.
auf manchen gebieten weiß ich für mein alter zu wenig, auf anderen zuviel. ich habe viel mitgemacht und ich habe so meine blessuren davongetragen. aber inzwischen weiß ich, dass ich mich nicht
selbst verarzten können muss. trotzdem fällt es mir immer noch schwer, mich hilfe von außen einzulassen. noch bin ich nicht wieder soweit, dass ich einen neuen versuch mit einem anderen
therapeuten wagen könnte. mein kindlicher sturkopf spielt dabei auch eine nicht ganz unwichtige rolle. warum sollte ich es noch einmal versuchen, wenn ich doch schon einmal auf die schnauze
geflogen bin? einerseits gebe ich immer noch zu schnell auf und bin zu schnell dazu bereit, mich wieder in mein schicksal zu ergeben. andererseits bin ich dann aber auch wieder so furchtbar stur,
dass ich es unbedingt doch schaffen will - und zwar am liebsten alleine. vielleicht könnte ich das ja auch tatsächlich schaffen, ich traue es mir nur irgendwie nicht zu. aber: auch daran arbeite
ich. in den vergangenen habe ich ein paar herausforderungen bewältigt. und auch wenn es keine sonderlich großen herausforderungen waren, für mich waren es große schritte und ich bin ein bisschen
stolz auf mich. ich habe festgestellt, dass ich mich jetzt mehr traue als früher. früher wäre ich nie freiwilig mit dem auto zur schwiegerfamilie gefahren. schließlich hätte es sein können, dass
ich irgendwie zwischen köln und frankfurt verlorengehe und nie wieder nach hause finde. früher wäre ich auch nie auf die idee gekommen, mit wildfremden leuten herumzuscherzen. nun ja... jetzt
mache ich das auch nur manchmal und dann auch nur im krankenhaus, trotzdem ist es ein fortschritt. ich bin alleine zu einem konzert gegangen, obwohl ich gar nicht gerne alleine irgendwo hingehe.
ich habe ein paar entscheidungen getroffen, die ich mir eigentlich gar nicht zugetraut hätte und die ich jetzt immer noch vor mir selbst vertreten kann. ich ertappe mich immer öfter dabei, dass
ich vernünftige entscheidungen treffe. und dass ich mir eingestehe, dass ich vielleicht doch gar nicht so ätzend bin. ich habe gelernt, dass ... mh.... wie soll ich das sagen? ... manchmal muss
man einfach das risiko eingehen, sich mit einem (ein-)geständnis lächerlich zu machen. sowas fällt mir überhaupt nicht leicht, aber ich habe mich kürzlich dazu durchgerungen. und es war gut. ....
ich glaube, ich bin auf einem guten weg.
vielleicht bin ich ja doch gar nicht mehr so sehr kind, wie ich immer glaube.
....
und weil ich eben kein verschüchtertes kind bin, entschuldige ich mich an dieser stelle auch nicht dafür, euch mit diesem eher sinnfreien text belästigt zu haben.